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Mathilde Wolff

"Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."

Richard von Weizsäcker

Mathilde Wolff, geb. Neuwahl (1856 – 1941)

Liebenau

Als Mathilde Neuwahl am 16.05.1856 in Liebenau, Kurfürstentum Hessen-Kassel, geboren wird, ist "das Kurfürstentum Hessen…ein kleines und armes Land, unzulänglich regiert und hinter der Zeit zurück. Die Bewohner des dünn besiedelten Landes lebten zum größten Teil auf dem Land und ernährten sich mehr schlecht als recht vom Ackerbau und Viehzucht. Industrie und Handel steckten noch in den Kinderschuhen. Die Bodenqualität war vielerorts schlecht, Bodenschätze gab es kaum und mit der Viehzucht war es auch nicht weit her..."1

Mathildes Eltern sind Elkan (20.01.1821 in Oberlistingen/Breuna- 20.04.1898 in Gelsenkirchen) und Friederike „Rika“ Neuwahl (22.12.1820 – 03.11.1887), geb. Gans, „Handelsleute“ , die wahrscheinlich Handel mit Getreide, Textilien, landwirtschaftlichen Bedarfsgütern und Schuhen trieben. 2

Mathilde Neuwahl hat mehrere Geschwister: Joseph (19. Juni 1847), Bertha (28. April 1854) und Ida, genannt Edel (24. April 1849 -04. Mai 1887).

Liebenau ist ein kleines Dorf im Norden von Hessen, in dem der Fortschritt noch nicht Einzug gehalten hat: „Viele Bauern hatten keine Düngergrube im Hofe, sondern einen Düngerberg an der Vorderfront des Hauses, so daß der kostbarste Stoff des Landwirts, die Jauche, statt auf die Felder in den Dorfbach gelangte. Kein Bauer traute den öffentlichen Einrichtungen. Darum wandte er sich, wenn er Kredite brauchte, nicht an die Sparkasse, sondern an einen jüdischen Geldmann. Kein Bauer traut dem andern. Wollte einer seiner Brüder eine Kuh verkaufen, so musste der jüdischen Viehhändler den Mittelsmann machen. Die Juden, die meist auf den Dörfern selbst wohnten, galten als verschwiegen. War ein Bauer in jüdische Schuldknechtschaft geraten, so kam sein Hof zur Zwangsversteigerung." 3

1849 gibt es in Liebenau neun jüdische Familien mit insgesamt fünf schulpflichtigen Kindern. Die jüdischen Familien waren arm und konnten keinen eigenen Lehrer anstellen. Deshalb besuchten sie die christliche Schule. Am Sonntag kam der Lehrer der jüdischen Schule, Sandel Katz aus Niedermeiser, nach Liebenau und gab jüdischen Religionsunterricht, wahrscheinlich im Anbau des Landefeldschen Hauses wie Ralf Thaetner in der „Geschichte der Stadt Liebenau“ berichtet. Der Schriftsteller Louis Rosenthal schreibt über Sandel Katz: "Der Lehrer Katz war ein Prachtmensch –immer guter Laune, gefällig und herzensbrav. Von allen, die mich später unterrichtet und auf die Bahn des Wissens gebracht haben, ist er mir der liebste geblieben." 4

Mathilde Wolff mit Tochter
Henriette Fränkel und Enkelin Ilse Fränkel,
später verheiratete Hughes

Mathilde Neuwahl und ihre Geschwister werden in ihrer Freizeit, besonders in der kälteren Jahreszeit, vielleicht auch die sogenannten „Spinnstuben“ besucht haben: „Meistens im Winter kommen gegen Abend die Mädchen des Ortes zusammen. Reihum trifft man sich zum Spinnen, Häkeln, Stricken oder Nähen. Doch hauptsächlich geht es um die Geselligkeit. Es gibt Kaffee und Kuchen, Geschichten werden erzählt, Witze gerissen und Lieder gesungen.“ 5

Die Synagoge befand sich in im Bruchweg in Niedermeiser in einem zweigeschossigen Fachwerkhaus mit Satteldach 4

Als Mathilde Neuwahl ein Jahr alt ist, wird die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn eröffnet, die Liebenau auch mit den Stadtzentren Marburg und Kassel verbindet. Zur gleichen Zeit wird auch die Post eingerichtet.

Als Zehnjährige erlebt Mathilde den preußisch-österreichischen Krieg. Preußische Truppen marschieren ein und Kurhessen und Nassau werden zur preußischen Provinz erklärt. Kurfürst Friedrich Wilhelm wird inhaftiert.

Gelsenkirchen

Familie Neuwahl zieht aus unbekannten Gründen nach Gelsenkirchen, wo sie sich in der Hochstraße 48 niederlässt und dort eine Manufakturwaren-und Konfektionshandlung führt. Ab 1863 gibt es ein paar Häuser weiter, in der Hochstraße 34 einen Betsaal.

Norden

Mathilde Neuwahl heiratet den Pferdehändler Samuel Wolff (10.02.1851 in Norden – 13.02.1930 in Norden) 6, der aus einer angesehenen Familie aus Norden stammt, die schon seit Generationen in Ostfriesland lebt. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es in Norden eine jüdische Gemeinde.

Am 13.08.1882 bringt Mathilde Wolff ihre Tochter Henriette zur Welt. Am 01.11.1884 wird die zweite Tochter, Frieda, in der Uffenstraße in Norden geboren. Der Sohn Wolf Samuel folgt am 18.11.1888. 7

Die Synagoge ist in der Judenlohne 1 (heute Synagogenweg 1). Ein paar Häuser weiter, in der Judenlohne 4 (Synagogenweg 4) ist die Jüdische Schule, deren zweijährige Volksschule die Kinder Henriette, Frieda und Wolf besucht haben müssen. 8

Mathilde Wolff mit Mann Samuel

Samuel Wolff nimmt aktiv am Gemeindeleben teil. Er ist nicht nur Mitglied im Synagogenvorstand, sondern leitet auch die Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft, die sich um Kranke kümmert und Begräbnisse nach jüdischem Ritus durchführt.

Später ziehen Mathilde und Samuel Wolff in den Neuen Weg 87.

Am 11. Januar 1929 ist in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ zu lesen: „Norden (Persönliches). Herr S. Wolff, der fast 40 Jahre die Geschicke der jüdischen Gemeinde leitete und auch während dieser Zeit als Vorsteher der Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft wie auch im Dienste des Friedhofswesens den Gemeindeinteressen mit unermüdlichem Eifer diente, ist wegen seines hohen Alters vom Amte des Gemeindevorstehers zurückgetreten. Die Gemeinde hat ihren verdienten Führer durch ein Ehrengeschenk ausgezeichnet und ihm einen Ehrensitz in der Synagoge zuerkannt.“ 9

Und noch ein Artikel aus der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 25. Januar 1925: „Norden (Persönliches). Nach 60 bzw. 40jähriger Tätigkeit als Vorsteher der Gemeinde sind die Herren v. d. Wall und S. Wolff aus ihrem Amte geschieden; an ihre Stelle sind die Herren M. Aschendorf und Karl Wolff getreten. Landesrabbiner Dr. Blum, Emden, erkannte in seiner Festpredigt die Verdienste der Scheidenden an und führte gleichzeitig die Neugewählten in ihre Ämter ein.“ 10

Am 13.02.1930 stirbt Samuel Wolff im Neuen Weg 87. Er findet seine letzte Ruhe auf dem Jüdischen Friedhof in Norden.

Mannheim

Seine Frau Mathilde zieht 1931 nach Mannheim zu ihrer Tochter Frieda Michel, die mit ihrem Mann Otto und den Kindern Ernst und Lotte in der Lameystraße 11 lebt. Im März 1933 zieht Familie Michel ein paar Straßen weiter, in die Richard-Wagner-Straße 26, Erdgeschoss 11 Die Richard-Wagner-Straße ist wie die Lameystraße eine gutbürgerliche Straße in der Schwetzingerstadt, wo sich viele jüdische Mannheimer niedergelassen haben.

1936 findet die Bar Mitzwa ihres Enkelsohns Ernst in der Hauptsynagoge in F 2, 13-15 statt. Der damalige Rabbiner ist Dr. Max Grünewald (1899-1992), der später in die USA emigrieren und das Leo Baeck Institute in New York leiten wird. Die wirtschaftliche Situation der Familie Michel verschlechtert sich zusehends. Frieda Michel verkauft zuerst Nivea-Creme, um etwas Geld für die Haushaltsführung zu verdienen, ihr Mann Otto handelt mit Büro- und Reklameartikeln. Als die Zeiten sich noch mehr verschlechtern, verkauft Frieda Michel ihren Schmuck, ihr Mann seine wertvolle Briefmarkensammlung.

Am 10. Nov. 1938 erlebt Mathilde Wolff mit ihrer Tochter Frieda und ihrem Schwiegersohn Otto Michel die Pogromnacht. Ihr Enkel Ernst kommt gerade aus Bruchsal, die Enkeltochter Lotte ist bei Freunden:

„Ich hatte Angst, unsere Wohnung zu betreten. Auf dem Gehweg vor unserem Haus lagen überall kaputte Möbel und das Pflaster war übersät mit den Glassplittern zerstörter Fensterscheiben. Die Tür zu unserer Wohnung war eingeschlagen. Ich sah mich um, konnte aber niemanden sehen.

„Mutti! Wo bist du?“ Mein Herz pochte wild. Ich hörte Schluchzen aus dem Schlafzimmer. Meine Mutter lag mit geschwollenem Gesicht auf dem Bett und hielt meine Großmutter im Arm, die unaufhörlich schluchzte.

„Mutti, geht’s dir gut? Was ist passiert?“

Sie setzte sich und legte ihre Arme um mich. Sie blutete und ihr Kleid war zerrissen. Außerdem zitterte sie.

„Ernst, Ernst“. Sie sah mich an, mit so einem traurigen und fassungslosen Blick wie ich ihn noch nie in ihren Augen gesehen hatte. „Sie kamen heute Morgen, sind hier eingedrungen. Bürkel schlug die Tür ein.“

„Wo ist Papi?“

„Sie haben ihn mitgenommen. Ich weiß nicht, wohin.“ Sie zitterte nicht mehr, aber jetzt wurde ihre Stimme brüchig. „Bevor sie ihn mitgenommen haben, zwangen sie ihn, den Tresor zu öffnen, wo er seine Briefmarken aufbewahrte. Sie holten die ganze Sammlung aus dem Tresor, warfen sie auf die Straße und verbrannten sie. Papi konnte sie nicht daran hindern, weil zwei große SA-Männer ihn festhielten. Ich versuchte, sie aufzuhalten, und einer der Männer schlug mir ins Gesicht. Dann nahmen sie Papi mit. Oma war außer sich und ich musste sie festhalten. Bürkel, der SA-Mann, der bei uns im Haus lebte, holte noch andere SA-Männer mit Knüppeln und Schusswaffen. Sie gingen durch die Wohnung und zerstörten alles Stück für Stück.“

Ihre Stimme war nur noch ein Wispern. Plötzlich übermannte sie die Müdigkeit und sie sank auf ihr Bett. Oma stöhnte.“ 12

Essen

Am 07.12.1938 meldet sich Mathilde Neuwahl in der Dammannstraße 94 in Essen bei ihrer Tochter Henny und deren Ehemann Leo Fränkel an. Henny Fränkel lebt dort seit dem 01.07.1937. Zur Familie gehören die Kinder Ilse und Werner. Mathilde Wolff bleibt dort bis Mai 1939, am 11.05.1939 ist sie wieder in der Richard-Wagner-Straße 26 in Mannheim 13.

Mannheim

Am 22. Oktober 1940 werden die jüdischen Mannheimer von der Gestapo zum sofortigen Packen aufgefordert. Es ist gerade Sukkot (Laubhüttenfest) und die Bürger der Quadratestadt können es erst nicht glauben. Aber die Zeit drängt und Mathilde Wolff muss mit ihrer Tochter Frieda und ihrem Schwiegersohn Otto Michel die Pestalozzischule in der Otto-Beck-Straße aufsuchen. Genau die Schule, die ihr Enkel Ernst so gerne besuchte und der er 1937 verwiesen wurde, weil er Jude ist.

Von dort geht es mit LKW zum Hauptbahnhof. Mehr als 2.300 Menschen werden in Dritte-Klasse-Abteile gepfercht, die verriegelt werden. Sie fahren drei Tage bis nach Oloron-Sainte-Marie im Département Pyrénées Atlantiques. Am 24. Oktober kommen sie dort am späten Nachmittag bei strömendem Regen an. Mit LKW geht es zum Lager Gurs, wo es kalt ist und unablässig zu regnen scheint. Die Gegend ist als „urinoir de France“ bekannt.

Gurs

Das Lager Gurs umfasst insgesamt 380 Holzbaracken, verteilt auf eine Fläche von drei Quadratkilometern. Das Camp de Gurs wurde als Internierungslager für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge errichtet. Es ist in sogenannte Ilots („Inseln“) aufgeteilt. Ein Ilot besteht aus 22 -30 Holzbaracken (25 m x 5 m Fläche), die mit einem einfachen Kohleofen geheizt werden. Die Ilots sind mit Stacheldraht voneinander abgegrenzt. In jedem Ilot gibt es eine Krankenbarracke und eine Baracke, in der sich die Bewohner der Ilots während des Tags versammeln. In den Hütten gibt es weder fließendes Wasser, noch Strom oder sanitäre Anlagen. Die hygienischen Bedingungen spotten jeder Beschreibung. In den Baracken ist es stets feuchtkalt und zugig. Als die neuen Bewohner ankommen, gibt es nicht einmal einfache Möbelstücke. Die spanischen Kriegsgefangenen stellen Monate später selbstgezimmerte Möbel her, die die jüdischen Deutschen auf dem lagereigenen Schwarzmarkt erwerben.

Ältere Menschen wie Mathilde Wolff werden von ihren Familien getrennt in einer Altersbaracke untergebracht.

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist in Gurs denkbar schlecht. Die Tagesration für einen Insassen des Lagers wird von der Lagerverwaltung wie folgt festgelegt:

Brot 400g

Fleisch 125g

Gemüse 100g

Fett 11g

Zucker 13g

Salz 16g

Ersatzkaffee 3g 14

Pro Tag stehen den Insassen also nur 900 bis 1.200 Kalorien pro Person zur Verfügung 15

Natürlich entsprechen die Mengen dann nicht der Realität. Die Nahrungszuteilung fällt weitaus geringer aus. Wer Freunde und Bekannte außerhalb des Lagers hat, bittet diese, ab und zu Lebensmittelpakete zu schicken. Wenn man noch etwas Geld hat, besteht die Möglichkeit Lebensmittel auf dem Lagerschwarzmarkt zu völlig überteuerten Preisen zu kaufen.

Trotz der mehr als „ungünstigen“ Lebensbedingungen im Lager organisieren die Insassen sich sehr schnell. Es wird eine provisorische Schule im Lager errichtet, um den Kindern Bildung zu ermöglichen. Für Erwachsene gibt es Sprachkurse, die von Freiwilligen geleitet werden. Viele haben die Hoffnung, dass die sehnlichst erwarteten Visa doch noch eintreffen und bereiten sich auf die Emigration vor, in dem sie im Lager die Sprache des Ziellandes erlernen. Sogar eine fünfprozentige „Ilot-Steuer“ wird eingeführt, die auf eingeführtes Bargeld angewendet wird. Das dadurch generierte Geld kommt den Menschen zugute, die keine finanziellen Zuwendungen von außerhalb des Lagers durch Angehörige und Freunde erhalten.

Es wird in jedem Ilot eine „Kulturbaracke“ eingerichtet, wo von inhaftierten Künstlern ein kulturelles Programm zur abendlichen Zerstreuung und Hebung der Moral veranstaltet wird.

Religiöses Leben findet ebenso wie kulturelle Ereignisse statt. Gottesdienste werden gefeiert und jüdische Festtage begangen. Da an Pessach 1942 keine Haggadah zur Verfügung steht, wird vom Inhaftierten Aryeh Zuckermann eine Haggadah verfasst. Er schreibt sie aus dem Gedächtnis nieder. Doch trotz der vielen Bemühungen der Insassen, ihrem Leben einen Sinn zu geben und die Moral nicht sinken zu lassen, sind die Lebensbedingungen in Gurs mehr als hart.

Krankheiten wie Typhus, Ruhr und Tuberkulose sind aufgrund der mangelnden Hygiene an der Tagesordnung. Der Boden im Lager ist durch den fast fortwährenden Regen aufgeweicht und die Bewohner müssen knöcheltief durch den Matsch waten. Ärzte sind zwar unter den Insassen (Dr. Johanna Geißmar , Dr. Eugen Neter, Dr. Ludwig Mann und Dr. Alfred Wolff), aber es gibt nur sehr wenig Medikamente.

Mathilde Wolffs Enkeltochter Lotte ist 1939 mit einem Kindertransport nach Frankreich geflohen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht ist sie auch in Frankreich nicht mehr sicher und muss sich verstecken. Sie findet in einem Kloster in Südfrankreich Zuflucht und sucht ihre Eltern in Gurs heimlich auf:

„Oma sah wie ein Geist aus. Ihre Kleider waren dreckig, richtige Lumpen. Sie war 85 und lebte in einer unbeheizten Baracke, mitten im kalten Winter. Sie erkannte mich nicht und bettelte weiter: „Gib mir ein Stückchen Brot, ein kleines Stückchen Brot.“ Es war niederschmetternd. Oma starb einige Wochen nachdem Lotte sie gesehen hatte, und wurde in der Nähe von Gurs begraben.“ 16

Dazu der Ludwigshafener Mediziner Dr. Alfred Wolff:

„Zum ersten Mal in meinem wirklich langen Leben habe ich gesehen, wie Menschen gestorben sind, durch nichts Anderes als Unterernährung. Das war nicht nur ein Fall, sondern insgesamt 60 Personen. Sie waren ein fürchterlicher Anblick. Sie kamen zu mir mit schweren Hungerödemen, mit schmerzhaften Nierenerkrankungen, mit sehr ernsten psychischen und neurologischen Störungen. Wir sahen dort wirklichen Hunger, Delirium, Verwirrungszustände und Amnesie. Wir waren gezwungen, viele dieser Hungernden in eine Nervenheilanstalt einzuweisen.“ 17

Am 05. September 1941 stirbt Mathilde Wolff an Unterernährung in Gurs.

Angehörige

Henriette Fränkel, geb. Wolff lebt mit ihrem Mann Leo (geb. am 08. September in Belgard/Pommern) in Essen in der Dammannstraße 94. Sie haben zwei Kinder: Ilse und Werner Fränkel. Am 10.08.1939 müssen sie in das Judenhaus in der Schönleinstraße 46 umziehen. Am 21. Juli 1942 kommen beide in Theresienstadt an. Am 23. Oktober 1944 werden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.

Frieda Michel, geb. Wolffzieht von Norden nach Mannheim, wo sie im Kaufhaus Hirschland arbeitet. In Mannheim wohnt sie zur Untermiete bei Otto Michel, einem Zigarrenfabrikanten und verliebt sich in ihn. Sie heiraten am 02. Dezember 1921 und bekommen die Kinder Ernst (1923 -2016) und Lotte (1927).1939 wird Lotte mit einem Kindertransport nach Frankreich geschickt, wo sie Ordensschwestern verstecken. Lotte gelingt über Spanien die Flucht nach Palästina.

Ernst wird am 04. Sept. 1939 nach Fürstenwalde ins Arbeitslager, dann ins Hachscharalager geschickt. Von dort geht es ins Arbeitslager nach Paderborn, dann kommt er am 03. März 1943 nach Auschwitz. 1945 ist er in den Konzentrationslagern Buchenwald und Berga/Elster (Schwalbe V). Er überlebt zwei Todesmärsche und kehrt nach Mannheim zurück. 1945/46 ist er Sonderberichterstatter bei den Nürnberger Prozessen. 1946 emigriert er in die USA.

Otto und Frieda Michel werden am 22. Oktober nach Gurs deportiert. Nach zwei Jahren kommen sie nach Drancy und dann nach Auschwitz, wo sie wahrscheinlich an ihrem jeweiligen Ankunftstag, Frieda Michel am 24. August und Otto Michel am 26. August 1942 in der Gaskammer ermordet werden.

Wolf Samuel Wolff (Onkel Willie), geb. am 18.11.1888 in Norden, ist verheiratet mit Paula, geb. Zlotnitzki aus Berlin. Am 28. September 1928 eröffnet er nach einem Umbau das Herrenkonfektionsgeschäft S. Jarosch Nachfolger am Markt 7 (heute Markt 5) in Bitterfeld.

In der Pogromnacht wird er festgenommen und nach Buchenwald deportiert. Sein Geschäft wird vom Mob heimgesucht, das große Schaufenster zertrümmert und das Geschäft geplündert. „Der Betrieb des jüdischen Geschäftsinhabers Wolf Wolff, Kaufmann, ist am 31.12.1938 abgemeldet worden um von einem deutschblütigen Betriebsinhaber übernommen“ schreibt das Bürgermeisteramt Bitterfeld am 25. Jan. 1939. 7

1938 emigrieren Wolf Samuel und Paula Wolff in die USA. Dort heißt Wolf Wolff nun Willie und arbeitet als Hundetrainer. Im ersten Weltkrieg war er beim Deutschen Heer und wurde richtete dort Diensthunde ab, wie seine Verwandte Claudia de Levie (Israel) berichtet.

1970 ziehen Paula und Willie Wolff nach Berlin. Willie Wolff stirbt am 24.11.1975 in Berlin und wird auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt. Paula Wolff überlebt ihren Mann um 4 ½ Jahre und stirbt am 18.04.1980 in Berlin. 8

Ihre Seelen seien eingebunden in den Bund des Lebens.

Anhang

1 S. 152, Thaetner, Ralf, „Geschichte der Stadt Liebenau“, 1993
2 S. 180
3 S. 178
4 S. 180
5 S. 195
6 http://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm
7 Niedersächsisches Staatsarchiv
8 Brief der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 10. Oktober 2018
9 http://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm
10 http://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm
11 „Promises Kept –Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“ von Ernest W. Michel
12 „Promises Kept –Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“ von Ernest W. Michel
13 Stadtarchiv Essen
14 S. 241, The Curse of Gurs
15 S. 240, The Curse of Gurs
16 S. 252/253, Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten von Ernest W. Michel, 2013, Mannheim
17 The Curse of Gurs S.258/259 (Übers. S. Reber)

Quellen:

Frank, Werner L., The Curse of Gurs, 2012
Ernest W. Michel: „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten2, 2013, Mannheim
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/lpb_gedenkstaetten/470/Deportiertenfriedhof+des+Internierungslagers+Gurs
Stadtarchiv Bitterfeld-Wolfen
Stadtarchiv Essen

Text und Recherche: Susanne Reber, März 2019

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